Gaucks Weltkriegsgedenken mit Russland-Kritik:Gegenwart holt Vergangenheit ein

Lesezeit: 3 min

Joachim Gauck reist nach Danzig, weil dort vor 75 Jahren der deutsche Angriff begann. Die aktuelle Krise in der Ukraine überschattet die Erinnerung. Die Gedenkrede des Bundespräsidenten zum Zweiten Weltkrieg führt zügig vom Gestern ins Heute.

Von Constanze von Bullion, Danzig

Es wird nicht lange dauern und beim Gedenken wird die Gegenwart die Vergangenheit überholen. Aber das ist ja durchaus im Interesse der Präsidenten.

Die Westerplatte an der polnischen Ostsee an einem kühlen 1. September. Hier begann vor 75 Jahren der Zweite Weltkrieg, an diesem Montag spielt ein Orchester die Tragische Ouvertüre von Andrzej Panufnik. Ein Rasen geht durch diese Musik, zwischendurch meint man, deutsche Stukas heulen zu hören.

Die Polen gedenken morgens um 4.45 Uhr

Mit Hunderten Gästen feiert der polnische Präsident Bronisław Komorowski an diesem Montag mit Joachim Gauck eine Gedenkfeier der nicht ganz stillen Art. Das liegt nicht nur an der Musik, sondern auch an der Weltlage. Zunächst aber stellen die Präsidenten am Friedhof des polnischen Heeres Grablichter ab, dann erinnern sie am "Denkmal für die Verteidiger der Küste" an den Kriegsbeginn - und daran, dass Gefechtslärm, Krieg und Gegenwehr keineswegs so vergangen sind, wie Europa angenommen hatte.

Zunächst aber erinnert der polnische Präsident Komorowski an das unfassbare Leid, das in jenen Morgenstunden des 1. September 1939 über Europa hereinbrach, insbesondere über Polen. In dem folgenden Krieg wurde jeder fünfte Pole getötet. "Unglück und Leid erfuhren nicht nur die Opfer des Überfalls, sondern alle, auch die Täter", sagt er. In Polen wird an diesem Tag von 4.45 Uhr morgens an traditionell an den deutschen Überfall erinnert. Damals beschoss das Schulschiff Schleswig-Holstein das polnische Festland.

Ihr Forum
:Wie sollte Deutschland sein politisches Gewicht in der Welt einsetzen?

Waffenlieferung in den Nordirak, Konflikt in der Ukraine: Deutschland ist ein bedeutender Akteur in der Weltpolitik und muss mit seinen Verbündeten wichtige Entscheidungen treffen.

Aber nicht nur an die Salven der Schleswig-Holstein solle erinnert werden, nicht nur an Massenterror und Barbarei, sagt Polens Präsident. Vielmehr stehe die Westerplatte für die europäische Aussöhnung, für die "Schicksalsgemeinschaft" von Deutschen und Polen - und für die Verpflichtung, die "Augen offen zu halten" für das, was sich heute im Osten der EU abspiele.

Wenn die Beziehungen zwischen Völkern so tief von Unrecht, Schmerz und Demütigung geprägt waren, sei eine "Entfeindung" alles andere als selbstverständlich, sagt Joachim Gauck. "Die Annäherung zwischen unseren Völkern kommt mir daher wie ein Wunder vor."

Dass Gauck und Komorowski ein herzliches Verhältnis pflegen, ist bekannt. Komorowski war vor 1989 ein Oppositioneller, wenn auch ein mutigerer als Gauck in der DDR. Der Pole hat es dem Deutschen nicht vergessen, dass der seinen ersten Staatsbesuch in Polen absolvierte, nicht in Frankreich.

Überfall auf Polen 1939
:Wie das Grauen des Zweiten Weltkriegs begann

Am 1. September 1939 überfällt Hitler-Deutschland Polen. Bereits in den ersten Stunden zeigen sich wesentliche Elemente der NS-Kriegsführung: Militärtechnik, Lüge und Brutalität. Fotos aus dem SZ-Archiv.

An diesem Montag aber geht es um mehr als nette Gesten, ein Schulterschluss wird da zelebriert, der auch militärisch verstanden werden soll. "Uns führt heute das Gedenken zusammen", sagte Gauck. "Aber genauso stehen wir angesichts der aktuellen Bedrohung zusammen."

Schon am Morgen hatte der polnische Regierungschef Donald Tusk den Tag zum Anlass genommen, eine Stärkung der Nato zu fordern. Die Lehre des Zweiten Weltkriegs, das sei auch eine Haltung, die "kein naiver Optimismus" sein dürfe. In der Ukraine sei die Zeit schöner Worte vorbei.

Auch Gaucks Gedenkrede führt zügig vom Gestern ins Heute. Zum Europa der Zukunft gehöre "der starke Wille, die schmerzhafte Vergangenheit wohl zu erinnern, letztlich aber doch hinter sich zu lassen", sagt er.

Noch vor fünf Jahren, als sich auf der Westerplatte 20 Staats- und Regierungschefs zum Gedenken trafen, habe man geglaubt, auch Russland könne Teil des gemeinsamen Europa werden. "Wohl niemand hat damals geahnt, wie dünn das politische Eis war, auf dem wir uns bewegten." Es sei ein "Schock", dass am Rand von Europa wieder um eine "neue Ordnung" gekämpft werde.

In einer Direktheit, die bei Bundespräsidenten rar ist, zeigt Gauck auf Wladimir Putin. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs hätten die EU und Nato neue Beziehungen zu Russland geknüpft und es integriert. Europa wünsche sich eine Rückkehr zu guter Nachbarschaft. "Aber die Grundlage muss eine Änderung der russischen Politik und eine Achtung der Prinzipien des Völkerrechts sein."

Immer wieder taucht dann ein "Wir" in Gaucks Rede auf, es scheint ein wehrhaftes Wir zu sein. "Weil wir am Recht festhalten, es stärken und nicht dulden, dass es durch das Recht des Stärkeren ersetzt wird, stellen wir uns jenen entgegen, die internationales Recht brechen, fremdes Territorium annektieren und Abspaltung in fremden Ländern militärisch unterstützen", sagt er.

Europa stehe zu seinen freiheitlichen Werten. "Wir werden Politik, Wirtschaft und Verteidigungsbereitschaft den neuen Umständen anpassen." Gauck warnt noch, dass territoriale Zugeständnisse "den Appetit von Aggressoren oft nur vergrößern".

Text zu Gauck-Rede in Danzig
:"Die Geschichte lehrt uns, dass ..."

Joachim Gauck erinnert in Danzig an den Beginn des Zweiten Weltkrieges. Ungewöhnlich deutlich kritisiert er Moskau. SZ.de dokumentiert die Ansprache des Bundespräsidenten.

Weil das aber womöglich zu kriegerisch klingt, in Polen falsche Erwartungen wecken könnte und auch nicht dem diplomatischen Kurs der Bundeskanzlerin entspricht, schlägt er einen letzten Haken.

Die Präsidenten halten einander die Hände

Die Geschichte lehre auch, dass unkontrollierte Eskalation eine Dynamik entwickeln könne, "die sich irgendwann der Steuerung entzieht". Immer müsse die Diplomatie auch "politische Auswege" offen lassen. Applaus im Publikum, das Orchester spielt auf, und die beiden Präsidenten legen Kränze an der Gedenkstätte nieder.

Für einen langen Moment hält der polnische Präsident die Hand des deutschen.

© SZ vom 02.09.2014 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Beginn des Zweiten Weltkriegs
:"Wir wussten, was auf uns zukommt"

Lieselotte Bach ist "Arbeitsmaid", als der Zweite Weltkrieg beginnt. Sie und ihre Kameradinnen glauben der Nazi-Propaganda - und brechen bei der Nachricht vom Angriff auf Polen trotzdem in Tränen aus. Der Krieg sollte Bach drastisch treffen.

Von Oliver Das Gupta

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: